Verbessert Trauben­zucker die Absorption von Fructose im Darm?

Es klingt so schön einfach: Isst man etwas Traubenzucker zu einer Portion Obst, dann wird der darin enthaltene Frucht­zucker besser vertragen. Mit einem Täfelchen Traubenzucker geht man angeblich allen Verdauungs­beschwerden aus dem Weg. Man findet diesen Tipp auf vielen Webseiten – doch ist er auch hilfreich? Die Annahme, dass man mit einem Stückchen Traubenzucker die Absorption von Fruchtzucker verbessern kann, macht auf dem Papier Sinn, weil man damit das Fructose-Glucose-Verhältnis zugunsten von Glucose verschiebt. Wir erklären, warum das in der Praxis aber leider nicht funktioniert.



Wie funktioniert die Verdauung fructose­haltiger Lebensmittel?


Wir schauen uns den Verdauungs­prozess am Beispiel eines Apfels genauer an. Nach dem Verzehr durchläuft er verschiedene Stationen in unserem Verdauungs­trakt, um möglichst alle darin enthaltenen Nährstoffe herauszulösen. Im Mund wird er zerkleinert und mit Speichel und Enzymen vermischt, die Kohlenhydrate spalten können. Durch die jetzt stark vergrößerte Oberfläche können später die Verdauungs­enzyme leichter an die verwertbaren Bestandteile herankommen. Im Magen wird der grob zerkleinerte Apfel durch die Magensäure in einen feinen Brei verwandelt und mit Magensäften versetzt, die weitere Verdauungs­enzyme enthalten.

Wenn die Stücke des Apfels ausreichend zersetzt wurden, passieren sie den Magenpförtner und gelangen in den Dünndarm, wo der Nahrungsbrei mit Verdauungs­säften vermengt wird, die Proteine und Fette aufspalten. Während der Nahrungsbrei langsam durch den Dünndarm wandert, werden nach und nach alle zugänglichen Nährstoffe über die Darm­schleimhaut aufgenommen und in den Blutkreislauf eingeschleust. In der Darmschleimhaut gibt es weitere Enzyme, die z. B. Doppelzucker in ihre Einzel­bestandteile Glucose, Galactose oder Fructose zerlegen, die dann absorbiert werden können (wenn Sie unsere App Histamin, Fructose & Co. benutzen, lesen Sie hierzu am besten auch unseren Info-Artikel “Kleine Zuckerkunde” durch).


Lebensmittel werden unterschiedlich schnell verdaut


Je nachdem, wie schwer ein Lebensmittel verdaubar ist, durchläuft es den Verdauungstrakt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Fettige und proteinhaltige Lebensmittel bleiben z. B. deutlich länger im Magen als ein leicht verdauliches Stück Weißbrot. Zuckerhaltige Getränke gehen schnell durch den Magen und die darin enthaltenen Zucker werden im Darm sehr rasch absorbiert. Ein hoher Ballaststoff­anteil wiederum sorgt dafür, dass der Nahrungsbrei langsamer durch den Darm wandert, weil die darin eingeschlossenen Nährstoffe nur sehr langsam aus dem Brei herausgelöst werden können. Dadurch können aber auch die Verdauungs­enzyme länger einwirken, was für die Verdauung förderlich ist.


Glykämischer Index von Apfel und Trauben­zucker im Vergleich


Ein Wert, mit dem man diese Geschwindigkeit abbilden kann, ist der glykämische Index. Dieser zeigt an, wie schnell ein Lebensmittel nach dem Verzehr den Blutzucker­spiegel ansteigen lässt. Ein hoher Wert signalisiert einen raschen Anstieg.

LebensmittelGlykämischer Index
Traubenzucker100
Apfel38
Tabelle 1: Glykämischer Index von ausgewählten Lebensmitteln.

Traubenzucker mit dem Wert 100 dient als Referenz­wert bei der Bestimmung des glykämischen Index von Lebensmitteln. Der leicht verdauliche Einfachzucker geht sofort ins Blut. Schon beim Kauen auf einem Täfelchen Traubenzucker wird ein Teil der Glucose durch die Mund­schleimhaut absorbiert. Weil er keine Ballaststoffe enthält, passiert der Traubenzucker den Magen in wenigen Minuten und wird danach im Dünndarm bereits nach kürzester Zeit vollständig absorbiert. Er kommt im Dünndarm, der etwa 8 m lang ist, nicht weiter als 1 m, bevor er vollständig durch die Darm­schleimhaut absorbiert wird.

Der Apfel ist zwar ebenfalls leicht verdaulich, weil er kaum Fette und Proteine enthält, allerdings verweilt er im Mittel 2–3 Stunden im Magen, bevor er in den Dünndarm weitergegeben wird. Solange die Zucker im Apfel in einer komplexen Struktur aus Ballast­stoffen eingebunden sind, bewegen sie sich zusammen durch den Verdauungs­trakt und werden im Vergleich zu reiner Glucose langsam freigesetzt. Die Fructose im Apfel ist auch nach 8 m im Dünndarm nicht vollständig absorbiert und gelangt in den Dickdarm. Erst dort beginnen die Verdauungs­beschwerden, weil der nicht absorbierte Fruchtzucker von der Darmflora fermentiert wird.

Glykaemischer-Index-Apfel
Abbildung 1: Glucose geht deutlich schneller ins Blut über als die Zucker in einem Apfel. Um unterstützend bei der Absorption von Fruchtzucker zu helfen, müssten sich die beiden Kurven viel stärker überschneiden.


Gleichzeitige Einnahme von Traubenzucker leider wenig wirkungsvoll bei Fructose­intoleranz


Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die gleichzeitige Einnahme von Traubenzucker mit einer fructosereichen Speise keinesfalls bedeutet, dass dieser auch zur entscheidenden Zeit – bei der Absorption von Fructose in der Dünndarm­schleimhaut – am gleichen Ort ist. Tatsächlich ist es leider so, dass die leicht verdauliche Glucose bereits vollständig absorbiert wurde und die Aufnahme von Fructose aus einem anderen Lebensmitteln gar nicht oder nur minimal unterstützen kann. Nicht umsonst bewerben die Hersteller ihre Traubenzucker­täfelchen mit dem Slogan "Geht sofort ins Blut". Eine höhere Traubenzucker­menge ändert an diesem Umstand auch nur wenig. Es ist praktisch kaum möglich, reinen Traubenzucker zeitlich passend zu dosieren. Zudem hat der Trauben­zucker keinen Einfluss auf die Absorption anderer schlecht verdaulicher Kohlen­hydrate bzw. Zucker­alkohole, z. B. von Lactose, Fruktanen oder Sorbit.

Am ehesten hilfreich ist Traubenzucker vielleicht bei Getränken mit hohem Fruchtzucker­anteil, weil diese ebenfalls nur sehr kurz im Magen verweilen, sonst ist leider keine große Wirkung zu erwarten.